Susanne Rocholl -

Die Früchte am Ende des Zweiges
- Auszug -

***

Als hätten Nassers Gedanken seine Tochter herbei gerufen, sah er Nasrin plötzlich am Ende des Feldes stehen. Wie jeden Tag seitdem sie hier war, brachte sie ihm das Essen in einem gusseisernen Topf, in dem es lange warm blieb. Er fühlte einen leichten Stich im Herzen als ihm der Gedanke kam, dass sie zehn Tage später wieder im fernen Deutschland sein würde.   
Salam, Baba jan“, begrüßte sie ihn mit drei Wangenküssen.
Salam, meine geliebte Tochter“, antwortete er. „Was bringst du zum Essen?“    „Abgusht,“ antwortete Nasrin lächelnd. „Lammragout mit Kichererbsen, dein Leib- und Magengericht. Riech nur, wie lecker das duftet!“
Sie hob den Deckel und fächerte ihm das köstliche Aroma zu. Dann breitete sie eine Decke aus, stellte zwei Suppenteller darauf und bat ihn, sich zu setzen. Nur zu gerne folgte Nasser der Aufforderung, während Nasrin die Teller mit Brühe füllte. Er nahm von Lawash, dem dünnen Fladenbrot, das sie mitgebracht hatte, bröckelte es in die Suppe und begann zu essen. Eine ganze Weile gaben sie sich dem Genuss des Mahls hin, ohne zu sprechen. Lediglich das Klappern der Löffel, ein leises Schlürfen und Vogelgezwitscher waren zu hören.   
„Ich habe lange nicht mehr einen so guten Abgusht gegessen“, unterbrach Nasser die Stille.   
„Du schmeichelst mir, Baba“, antwortete Nasrin. „Denn du weißt so gut wie ich, dass Maman den besten Abgusht im ganzen Dorf kocht. Während sie das Fleisch die ganze Nacht auf dem Herd köcheln lässt, damit die Brühe schön kräftig wird, habe ich das Essen innerhalb von fünfundvierzig Minuten zubereitet.“   
Unter seinen buschigen Augenbrauen sah Nasser sie fragend an.   
„Im Schnellkochtopf, den ich euch mitgebracht habe“, erklärte Nasrin. „Er ist wirklich praktisch, denn man kann spontan entscheiden, was man kochen möchte. Das Essen ist schnell zubereitet.“   
Nasser lächelte. „So kenne ich dich, Asisam, mein Schatz. Offen für alles, was dich schneller zum Ziel bringt. Sag' mir, gefällt es dir noch immer in Deutschland?“   
Nasrin nickte. „Weißt du, es ist ein ganz neues Leben, eine andere Kultur. Die beiden Gesellschaften sind nicht vergleichbar, weil sie von Grund auf verschieden sind. Aber ich kann mich in sie hinein empfinden, beinahe mit ihr verschmelzen. Trotzdem spüre ich, dass es tief in mir verwurzelt etwas gibt, das ich vermisse.“   
„Zum Beispiel?“
„Um ehrlich zu sein, ist Deutschland das beste, das mir passieren konnte. Ich passe einfach dorthin. Aber natürlich fehlt ihr mir und der Duft von Shanjan. In Deutschland gibt es zum Beispiel kein Tarof. Man sagt geradeheraus, was man denkt, weil der andere sich nicht gekränkt fühlt. Die Kommunikation wird dadurch sehr viel direkter und schneller und das, na ja, das kommt natürlich meinem Charakter sehr entgegen. Die Leute hier denken, in Deutschland fließen Milch und Honig und man muss sich nur bücken, um die Reichtümer aufzusammeln. Aber das ist natürlich Quatsch! Zwar muss niemand hungern, weil ihn das soziale Netz auffängt, aber nur wenn man gute Zeugnisse hat, wenn man ehrgeizig, zuverlässig und einsatzfreudig ist und in der Lage, sich Konkurrenten gegenüber zu behaupten, kann man sehr viel in Deutschland erreichen. Ich sage nicht alles, aber vieles.“
„Auch Ausländer?“
„Auch Ausländer, wenn die Haut nicht zu dunkel und die Haare nicht zu schwarz sind. Vor allem aber wenn sie akzentfrei deutsch sprechen.“
„Soso!“ Nasser löffelte seine Suppe und betrachtete Nasrin. Ihre Haut war Alabaster, ungewöhnlich hell für iranische Verhältnisse. Also hatte sie dort wohl keine Schwierigkeiten. Sie stand in der Blüte ihres Lebens, wunderschön, klug und ehrgeizig. Sie war sein ganzer Stolz und er konnte sich lebhaft vorstellen, dass sie sich im harten Berufsleben behauptete. Sogar in der Fremde, wo alles noch schwieriger war. Ob sie aber auch glücklich war? Er spürte Nasrins Hand auf seinem Arm.
„Ich liebe dich, Baba“, sagte sie leichthin, nahm seinen Teller und füllte ihn mit dem Rest Brühe auf. Das zurückgebliebene Lammfleisch, die Kartoffeln, Kichererbsen, Tomaten und Zwiebeln zerstampfte sie zu einem hellbraunen Brei.   
„Du bist mein Leben“, antwortete Nasser und suchte den Blick ihrer graugrünen Augen. Sie sah hoch und lächelte.   
„Und wen liebst du noch? Warum hast du deinen Ehemann nicht mitgebracht? Wir hätten ihn gerne kennen gelernt.“   
„Hendrik! Ja, ich bin sicher, er würde euch gefallen. Er ist Archäologe, viel in der Welt herumgekommen und in unterschiedlichen Kulturen zu Hause. Er ist sehr verständnisvoll und einfühlsam, ganz anders als ich!“ Sie lachte verschmitzt. „Er brennt darauf, euch kennenzulernen, Baba. Aber er konnte leider nicht mitkommen, weil wir nur nach deutschem Recht verheiratet sind und unsere Ehe vor dem iranischen Gesetz nicht anerkannt wird.“   
Nasser nickte. “Ihr könntet nicht gemeinsam in der Öffentlichkeit auftreten. Die Pasdaran würde euch Probleme bereiten. Schade! Warum heiratet ihr dann nicht nach iranischem Recht?“   
„Das werden wir, Baba. Aber dafür muss Hendrik zum Islam konvertieren und er benötigt ein Ehefähigkeitszeugnis, das vom iranischen Konsulat übersetzt werden muss. Alles Behördengänge, für die wir bislang keine Zeit hatten.“   
„Weil dich dein Beruf daran hindert?“   
Nasrin nahm ein Stück Fladenbrot, bestrich es mit dem Abgusht-Brei und reichte es ihrem Vater. „In Deutschland arbeitet man von morgens bis abends, dazwischen hat man eine halbe Stunde Mittagspause, während der die Behörden geschlossen sind. Es ist schwierig. Ich müsste mir extra Urlaub dafür nehmen.“   
Nasser nickte. Er sann nach und sprach schließlich aus, was er dachte.
„Wenn du schon für die Anerkennung deiner Ehe keine Zeit findest, wie willst du dann Zeit für das Baby haben?“   
Nasrin sah ihn in einer Art und Weise an, als hätte er einen wunden Punkt getroffen.   
„Möchtest du etwas Tee?“, fragte sie ausweichend und holte eine Thermoskanne mit zwei Teegläsern aus ihrer Tasche. Nach dem Essen tat Nasser nichts lieber als die Mahlzeit mit heißem Tee abzurunden. Früher hatte er dazu eine Zigarette geraucht, aber das hatte er sich, Gott sei Dank, vor vielen Jahren abgewöhnt.   
„Mögen deine Hände nicht schmerzen! Du hast dir sehr viel Mühe bereitet“, sagte er nach iranischer Art als Ausdruck des Dankes für die Mahlzeit, stellte die Teller beiseite und nahm den Tee entgegen. Nasser spürte, dass seine Tochter ihm etwas zu sagen hatte, aber nicht recht wusste, wie sie beginnen sollte. Er beschloss, nicht zu drängeln. Früher oder später würde sie sich ihm anvertrauen.   
„Danke! Ich hoffe, es hat dir geschmeckt.“ Nasrin lächelte und reichte ihm eine Dose mit Würfelzucker. Eine Weile betrachteten sie schweigend den hauchdünnen Wasserdampf, der sich wie ein Flaschengeist aus den heißen Teegläsern empor schlängelte.




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